Auszug aus der Geschichte

"Der Tag"

aus der Kurzgeschichtensammlung

"15 Grenzen"

(vorläufige Endversion)

Südeuropa. Weiterhin versuchen nicht näher quantifizierte Menschenmassen aus Afrika die Grenzen zum Südeuropäischen Wirtschaftsraum ohne gültiges Visum zu überqueren. Da die überwältigende Mehrheit der Menschen nicht als Touristen kommen, sondern dauerhaft ihren Kontinent verlassen will, haben die grenzverteidigenden Staaten den Schießbefehl wieder aktiviert. Ein Sprecher des Südeuropäischen Einreiserats erklärte sein Bedauern über die Notwendigkeit dieser Maßnahme. Man habe keinen Platz für all diese Menschen, die Kapazitäten seien erschöpft und die Grenzen des Zumutbaren für die eigene Bevölkerung längst überschritten, sagte E. Solange sich die mittel- und westeuropäischen Staatenbünde und Einzelstaaten wie Deutschreich weigerten, ihre Grenzen zu öffnen und Wirtschaftsflüchtlinge aufzunehmen, gäbe es zu dieser Form der Abwehr von Menschenströmen und der damit verbundenen Abwehr von Gefahren für den Südeuropäischen Wirtschaftsraum keine Alternative. Der Sprecher erneuerte gleichzeitig seine Kritik am Vorstandsvorsitzenden der Reichsbundesregierung, der sich in der vergangenen Woche erneut gegen eine Öffnung der Grenzen ausgesprochen hatte. Seit der Auflösung der europäischen Wertegemeinschaft sei der ohnehin ausgeprägte Egoismus einzelner Volkswirtschaften immer größer geworden. Wirtschaftliche Interessen erhielten gegenüber Menschenrechten klar den Vorzug, wofür sich Deutschreich bestens als Beispiel eigne. Die Reichsbundesregierung wies diese Kritik zurück und reagierte mit einem Verweis auf die Millioneneinnahmen aus dem Tourismus, die gerade die Mitglieder des Südeuropäischen Wirtschaftsraums jahrzehntelang ohne größeren Protest akzeptiert hätten. In einer diplomatischen Note wies der Außenbeauftragte F den südeuropäischen Staatenbund auf die Möglichkeit zur Säuberung und Re-Naturalisierung des Mittelmeers hin. In absehbarer Zeit könnten die Anrainerstaaten, die sich nun über ihre geografische Lage, für die Deutschreich nicht verantwortlich gemacht werden könne, beschwerten, auch wieder von einem nennenswerten Fischfang im Mittelmeer sowie einer Wiederbelebung des brachliegenden Tourismus profitieren. Militärminister B ordnete eine höhere Sicherheitsstufe für die Südgrenzen Deutschreichs an und regte erneut den Bau einer Mauer als zusätzliche Sicherung der südlichen Außengrenzen an. Dieses Mittel sei ebenso simpel wie wirksam und habe zudem noch eine nicht zu unterschätzende symbolische Bedeutung, erklärte B.

 

Genf. Die Aufhebung der Genfer Konventionen hat die vorletzte Hürde genommen. Alle nationalen Parlamente haben mittlerweile ihre Zustimmung zu diesem Schritt gegeben, sodass nun in einer gemeinsamen Note aller beteiligen Staaten nur noch die offizielle Aufhebung terminiert werden muss. Die Aufhebung der Genfer Konventionen gilt als Vorstufe zur geplanten Abschaffung der Vereinten Nationen, die ebenfalls allgemein als nicht mehr zeitgemäß befunden werden. Die Reichsbundesregierung hatte die Auflösung der Vereinten Nationen bei ihrer Einführung als eines der wichtigsten Ziele für diese Regierungsperiode ausgegeben und begrüßte die formale Statusbestätigung als notwendigen und folgerichtigen Schritt, um festgefahrene und ineffiziente Strukturen aufzubrechen.

 

Vatikanstadt. Die katholische Kirche wehrt sich gegen das von verschiedenen Regierungen aus aller Welt angestrebte weltweite Religionsverbot. Sie verneint die Darstellung, nach der die Religionen Auslöser für unzählige kriegerische Auseinandersetzungen und terroristische Akte und demnach für eine kaum abzuschätzende Anzahl menschlicher Opfer verantwortlich seien. Verantwortlich ist stets der Mensch, nicht die Idee des Gottvertrauens und der Nächstenliebe, entgegnete Papst G in einem offenen Brief, den er an Vertreter aus Politik und Gesellschaft in aller Welt richtete. Er rief zu einem Schulterschluss zwischen Politik und Religion auf, denn beide Entitäten müssten den Menschen dienen und sie einen, anstatt sie zu trennen. In einer ersten Reaktion auf das Schreiben des Papstes lehnte der Vorsitzende des parlamentarischen Ausschusses gegen Sektenkriminalität H dessen Betrachtungsweise ab. Die Zeit der Kirche sei abgelaufen, sagte der promovierte Jurist in einem Interview auf seinem privaten Broadcasting-Channel. H räumte ein, dass es in einigen Ländern östlich des Urals heftigen Widerstand gegen das geplante Verbot gäbe. Er schlug vor, in dieser Region einen eigenen Staat für Anhänger beliebiger Richtungen auszurufen. Hier könnten sich alle Gläubigen versammeln und ihr Leben nach eigenen Wünschen und Vorstellungen organisieren, ohne ihren Herkunftsstaaten zur Last zu fallen. Verschiedene Vertreter der islamischen Welt kritisierten H daraufhin scharf. Er agiere als geistiger Brandstifter und sei ein Feuerteufel mit der Hand am Flammenwerfer, sagte beispielsweise der Vorsitzende des internationalen Islamrats I in Iran-Stadt. Niemals werde man sich von Ungläubigen etwas verbieten lassen und das Recht zum Glauben mit allen erdenklichen Mitteln verteidigen.

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