Auszug aus dem Roman "Zoe" von Jens Kluckhuhn (c)

 

Es war Roger, meine erste Begegnung an der Theke in der Eule. Damals hatte Nicky mich förmlich zu ihm geschleift, heute kam er auf mich zu. Zur Begrüßung nahm er meine Hand und gab ihr einen Kuss. Ich fand das eher albern als charmant, doch eine Prostituierte kommt damit ohne therapeutische Betreuung zurecht. Er spendierte eine große Flasche Sekt. Aus ihnen schmeckte das Zeug deutlich besser als aus den kleinen Piccolos. Sie waren im Verhältnis auch wesentlich günstiger, allerdings keine Alternative für den schmalen Geldbeutel. Der war jedoch nicht Rogers Problem. Zu geringes Selbstvertrauen auch nicht.

„Heute mache ich mein Versprechen wahr.“

„Oh, wie schön.“

Mehr Freude konnte ich nicht heucheln. Ich füllte die Gläser und hörte mir ein paar routinierte Lobeshymnen an. Wahrscheinlich erzählte er jeder so ziemlich das Gleiche. Ich hätte schönes Haar, eine Figur, die wie vom talentierten Künstler geschaffen sei, ein tolles Gesicht und so weiter. Der Hinweis auf die schönen Augen durfte natürlich auch nicht fehlen. Roger kam mir vor wie ein hoffnungslos untalentierter Laiendarsteller, der eine Hauptrolle in einem Film spielte, den er selbst finanzierte. Ich bemühte mich, so geschmeichelt wie möglich zu wirken, doch meine schauspielerischen Fähigkeiten waren ebenfalls begrenzt. Er ging schon seit über zehn Jahren in den Puff, sagte er und schien mächtig stolz darauf zu sein. Wahrscheinlich deswegen der vertrauliche Handkuss – er wusste Bescheid, kannte sich aus und überhaupt. Ich versuchte, angesichts dieser Lebensleistung beeindruckt zu sein. Wie ein Tutor seinen Schützling lächelte er mich an, erzählte mir ein paar Anekdoten aus anderen Bars und aus der Zeit der Eule, als sie noch einen anderen Namen trug und einen anderen Besitzer hatte. Er orderte noch eine weitere Flasche, doch leider förderte der Sekt seinen Redefluss. Ein guter Grund die Bestellung zu verhindern, doch ich beherrschte mich. Ich bemerkte, wie Gabi und Nicky grinsten. Ich entschuldigte mich, um auf Toilette zu gehen und überlegte, ob ich mir Tampons in die Ohren schieben sollte. Als ich auf der Keramik saß, klopfte es an die Tür. Ich fürchtete schon Roger wäre mir hierher gefolgt, um seinen Redefluss nicht versiegen zu lassen, doch ich hörte Nickys Stimme.

„Hast Du eine schöne Zeit, Liebes?“

Nicky schminkte ihre Lippen nach, aus Solidarität frischte ich meinen Anstrich auf.

„Seit wann labert der Typ so viel?“

„Immerhin weiß er, dass wir lieber zuhören als selbst erzählen. Und er lässt ordentlich was springen. Auf dem Zimmer ist er okay. Keine besonderen Sachen, ganz normal. Er hält sich für einen zärtlichen Liebhaber und insbesondere für einen Genießer.“

„Ach ja. Und wofür halten wir ihn?“

„Für einen reichen Spinner, der nicht weiß, wohin mit seiner Kohle, aber wenigstens für seine Illusionen bezahlen kann.“

Ich kehrte zu meinem Hocker, dem Sekt und Roger zurück – genau in dieser Reihenfolge. Sein nicht nachlassender Wortschwall wurde zunehmend schwerer zu ertragen. Ich gab vor Zigaretten vergessen zu haben und verschaffte mir eine weitere kurze Pause. Ich war noch nie so nah daran gewesen, einen Gast mit einer der großen Sektflaschen bewusstlos zu schlagen.

„Ich habe das Gefühl, ich langweile dich“, stellte er schließlich fest und erlöste mich von meinen Qualen.

Keine Vorträge mehr über Deutschlands schönste Puffgasse, die sich seiner Meinung nach im ostwestfälischen Minden befand, und auch nicht über die an einem Ende noch Kloake stinkende Linienstraße in Dortmund. Ich brach in inneren Jubel aus, schaffte es aber nicht mehr, Erstaunen über seine Aussage zu heucheln.

„Entschuldige. Nicht mein Tag heute.“

In seiner Gegenwart würde es nie mein Tag sein.

„Magst du denn noch aufs Zimmer gehen?“

„Natürlich.“

Ja, natürlich wollte ich das! Ich konnte mich ja vor Geilheit kaum noch auf dem Stuhl halten! Hatte er etwa vergessen, dass ich eine Nymphomanin war?

Eine gute Stunde später ließ ich ihn nach Verrichtung der Dinge zur Vordertür raus, nachdem er sich wortreich von Gabi verabschiedet hatte. Ich versicherte ihm, dass unser Schäferstündchen sehr schön für mich gewesen sei und ich mich jetzt schon auf ein Wiedersehen freute. Er kündigte an, in Gabis Abwesenheit hier nach dem Rechten zu sehen, und amüsierte sich königlich über seinen eigenen Scherz. Ich schaffte es, ihm nicht die Tür ins Gesicht zu werfen und ging in die kleine Küche, um mir einen Tee zu machen.

„Du wirktest ziemlich genervt“, sagte Gabi.

„Mein Gott! Wie kommt das bloß?“

„Er ist manchmal etwas anstrengend.“

Ich inhalierte den Rauch einer Zigarette. Er konnte Menschen von jahrelanger Schlaflosigkeit befreien, seine Geschichte in Buchform wäre eine existenzbedrohende Konkurrenz für die Produzenten von Schlafmitteln. Ich schüttelte mich wie ein nasser Hund, um das Klingeln aus dem Kopf zu bekommen, bemerkte dann jedoch, dass es sich um das Läuten der Türglocke handelte und ich für den Moment noch einmal um den Tinnitus herumgekommen war.

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